Zu Gast auf „Dem roten Sofa“

Die Ergotherapeutin Wiebke Baum

Die Wiederherstellung der Selbstständigkeit unserer Patienten im Alltag und im Beruf ist für uns das A und O

Die Ergotherapeutin Wiebke Baum

Herzlich willkommen auf „Dem roten Sofa“! Als Ergotherapeutin behandeln Sie unter anderem auch Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben. Wo genau liegt denn Ihr Fokus bei einer ergotherapeutischen Behandlung von Schlaganfallpatienten?

Bei der ergotherapeutischen Behandlung liegt der Fokus immer auf der Wiederherstellung und Erhaltung der größtmöglichen Selbstständigkeit unserer Patienten in ihrem Alltag. Diese Zielsetzung bezieht sich je nach Patient auf ganz unterschiedliche Bereiche im Leben – sei es in Bezug auf die Berufstätigkeit oder auch auf Freizeitaktivitäten und die Selbstversorgung.

Welche Schwerpunkte setzen Sie dabei und mit welchem Ziel wird die Ergotherapie verfolgt?

Die Ziele werden immer gemeinsam mit dem Patienten formuliert. Im Erstgespräch und den ersten Therapieeinheiten finden wir gemeinsam mit dem Patienten heraus, in welchen Bereichen die größten Schwierigkeiten liegen und vor allem, was davon dem Patienten selbst am wichtigsten ist.

Alltägliche Dinge wieder lernen

Es kommt häufiger vor, dass sich ein Patient aufgrund einer Halbseitenlähmung nicht mehr selbst ein Brot schmieren kann. Der 35-jährigen Mutter ist es dann beispielsweise sehr wichtig, dies wieder selbstständig zu können. Dem 78-jährigen Mann dagegen hat schon immer seine Frau das Brot geschmiert – für ihn ist diese Tätigkeit also unwichtig. Mit ihm setzen wir dann andere Ziele und Schwerpunkte.

Der Leidensdruck der Patienten und die daraus resultierende Motivation ist dabei ein ganz entscheidender Punkt.

Wie sieht eine typische Ergotherapie-Einheit für einen Schlaganfallpatienten aus? Beziehungsweise gibt es diese überhaupt?

Nein, eine typische Einheit gibt es nicht. Das hängt immer von der individuellen Zielsetzung ab, die wir mit dem Patienten gemeinsam festlegen. Falls es notwendig ist, wird zu Beginn eine passive oder aktive Mobilisation der Extremitäten der betroffenen Seite durchgeführt. Im Anschluss führt der Patient, soweit es ihm möglich ist, aktive Übungen durch – beispielsweise zur Verbesserung des Gleichgewichtes. Auch Tätigkeiten, die im Alltag wichtig sind, werden trainiert. Bei Ausfällen im Bereich der Sensibilität – wie Taubheitsgefühlen, Kribbeln und Ameisenlaufen – wird durch unterschiedliche Reize die Wahrnehmung trainiert.

Kognitive Beeinträchtigungen, also Einschränkungen des Gedächtnisses, der Merkfähigkeit oder Konzentration, können hingegen durch Hirnleistungstraining geschult werden.

Sie sehen also: Die Ergotherapie ist wahnsinnig breit gefächert und sehr schwer zusammenzufassen – denn auch kein Schlaganfall ist wie der andere.

Gibt es je nach Altersklasse Unterschiede bei der Behandlung?

Ja, die gibt es. Während bei jüngeren Patienten der Fokus der Behandlung natürlich eher auf dem Wiedererlangen der Arbeitsfähigkeit liegt, ist bei älteren Patienten die Mobilität, vor allem das eigenständige Laufen ohne Hilfsmittel, von besonderer Bedeutung.

Für wie wichtig erachten Sie die medikamentöse und ergotherapeutische Therapietreue der Patienten?

Das halte ich beides für wichtig. Vor allem in der ersten Zeit nach dem Schlaganfall ist die Therapie sehr wichtig, da in den ersten Monaten noch die größten Fortschritte gemacht werden. Was nicht heißt, dass nicht auch Jahre nach dem Schlaganfall noch Fortschritte möglich sind. Therapietreue ist aber auch ein wichtiges Stichwort im Hinblick auf die Vermeidung eines erneuten Schlaganfalls.

Aktiv sein hilft bei der Schlaganfall-Vorbeugung

Welchen Ratschlag können Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben? Wie kann man aus ergotherapeutischer Sicht einem Schlaganfall vorbeugen?

Es gibt keine speziellen ergotherapeutischen Maßnahmen, um einem Schlaganfall vorzubeugen. Da greifen wohl die üblichen Ratschläge wie eine gesunde und ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung, Verzicht auf Rauchen und kein übermäßiger Alkoholkonsum. Außerdem lässt sich immer wieder beobachten, dass Patienten die vor dem Schlaganfall aktiv waren, schneller wieder fit und selbstständig sind.

Vielen Dank, liebe Frau Baum, dass Sie auf „Dem roten Sofa“ Platz genommen und uns einen Einblick in Ihren Beruf als Ergotherapeutin gewährt haben.